Gebete der Welt – Einheit in der Vielfalt
„Die Schönheit meiner Seele ist geburt- und todlos“, und „Die Schönheit des Lebens erblüht, wenn die Engel der Gnade uns umkreisen“. Diese Worte des Mystikers und Poeten Sri Chinmoy deuten auf die Notwendigkeit einer gnadenreichen, höheren Führung hin, die den Menschen in seinem alltäglichen Leben unterstützt und anleitet. Jene Weisungen können entweder aus dem eigenen Inneren heraus, der Seele, emporsteigen oder als Gnade von oben herab regnen. Einer Gnade wie sie nur die höheren Wesenheiten des Kosmos und Gott selbst schenken können. Gemeinsam dabei ist allen Menschen, unabhängig von Glauben oder Kultur, ihren Sehnsüchten nach Weisung und Führung verbal Ausdruck zu verleihen – durch ein Gebet.
Gebete des Westens
Denkt man im hiesigen Kulturkreis an Gebete, fällt der Blick unverzüglich auf die bedeutenden und berühmten Anrufungen des christlichen Glaubens. Am bekanntesten dabei ist vielleicht das „Vater unser“. Aber auch das „Apostolische Glaubensbekenntnis“, sowie die vielen Mariengebete erfreuen sich einer großen Beliebtheit. Darüber hinaus gibt es noch viele bekannte und weniger bekannte christliche Gebete, die, in ihrer kraftvollen und sehnsüchtigen, oft lyrischen Form, einen unvergesslichen Eindruck auf den Leser hinterlassen.
Aus Schweden – Esaias Tegner:
„Sonne, die mir floh! Über Bergeshöhn, kann ich wieder froh, deine Strahlen sehn. Ich will beten mit den Myriaden, die im Strom des Morgenlichts sich baden. (…) Kurz ist nur die Zeit, und die Kunst so lang, und die Bahn so weit. Auf denn, zum Gesang! Myriaden, lauscht dem Himmelsklange! Gott erscheint im Licht und im Gesange.“
Angelus Silesius „Liebe“:
„Liebe, die Du mich zum Bilde Deiner Gottheit hast gemacht; Liebe, die Du mich so milde nach dem Fall hast wiedergebracht; Liebe; Dir ergeb ich mich, Dein zu bleiben ewiglich. (…) Liebe, die mich wird erwecken aus dem Grab der Sterblichkeit, Liebe, die mich wird umstecken mit dem Laub der Herrlichkeit: Liebe, Dir ergeb ich mich, Dein zu bleiben ewiglich. Amen.“
Gebete anderer Religionen und Kulturen
Viele Religionen und Kulturen haben ihre ganz eigenen Formen des Gebete entwickelt, die, trotz der deutschen Übersetzung, in beeindruckender Weise Zeugnis von der Einheit der Menschen im Geist ablegen.
Aus Arabien:
„O Gott, ich bitte Dich um Festigkeit in meinem Vorhaben, um Beständigkeit in meinem Vorsatze; ich bitte Dich um ein ergebenes Herz, um eine aufrichtige Rede, ich bitte Dich um das Gute.“
Aus Indien:
„Die Nacht die Göttin, zieht herauf, aus vielen Augen blickt sie her, mit vollem Schmucke angetan. Die Göttin füllt, die Ewige, die Höhn und Tiefen weit und breit, vertreibt mit Glanz die Finsternis.“
Aus Nepal
„Wie Du mir geheimnissreich das körperliche Leben gegeben hast, so wirst Du es mir auch nehmen. Gib mir Erkenntnis, dass das wahre, höhere Sein nicht an meinem Körper gebunden ist, o Allmächtiger!“
Die Kultur des Gebetes ist viele Jahrtausende alt, wohl so alt wie die Menschheit selbst. Jedes Gebet ist dabei ein Wegweiser, der auf die Sphäre des Übersteigenden, des Transzendenten gerichtet ist. So ist jedes Gebet sowohl Weg wie Ziel sogleich – die Suche nach Erkenntnis und die Bitte um himmlische Unterstützung diese Erkenntnis zu erlangen und alle Hindernisse, die diesem inneren Drang im Weg stehen, zu beseitigen. Um letztendlich zu entdecken, wie es Goethe so unsterblich sehnsüchtig formuliert hat: „Was die Welt im Innersten zusammen hält.“
Kai Keller
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