Napoleon als Machtpolitiker
Im Juni 1813 kam es in Dresden zu einem denkwürdigen Zusammentreffen zwischen Metternich und Napoleon. Napoleon sah sich zum Äußersten getrieben und drohte Metternich mit dem Untergang Österreichs und ganz Europas, sollte Österreich die Fronten wechseln und zum Gegner Napoleons werden.
Diese apokalyptische Vision – voller Wut von Napoleon vorgetragen – überzeugte Metternich von der Auswegslosigkeit der politischen Handlungsfähigkeit Napoleons. Noch heute ist das Marcolinipalais, in dem sich das Treffen ereignete, Teil einer Stadtrundfahrt durch Dresden.
Napoleon fehlte nach dem Abgang von Tayllerand als Außenminister die ausgleichende Geste dieses Grandseigneurs französischer Diplomatie. Die Abwendung Napoleons von Tayllerand zeigt die Schwächen Napoleons als Außenpolitiker.
Tayllerand war der Ansicht, dass die Ausdehnung Frankreichs ihre natürlichen Grenzenlinien berührt habe und jede Erweiterung des Territoriums Frankreich nur noch schwächen konnte. In denkwürdiger Weise meinte er: „Für die Waffen gibt es keine Eroberungen mehr zu machen. Jetzt gilt es die Meinung Europas zu gewinnen.“
Tayllerand scheint eine der Antriebsfedern gewesen zu sein für die freundliche Behandlung des Königs von Sachsen. Nach seiner Ansicht solle auch Preußen ehrenvoll behandelt werden um ein Gegengewicht gegen Habsburg bilden zu können. Eine Vereinigung Deutschlands als französische Provinz hielt er für sinnlos und nicht möglich. Deutschland selbst könne nur über Habsburg als Kernmacht an Frankreich angebunden werden. Um Napoleon seine Rolle in Deutschland und Frankreich deutlich zu machen, bezog sich Tayllerand auf das Reich Karls des Großen. Deshalb brauche Napoleons Herrschaft in Deutschland die Legitimität Habsburgs. Nur so konnte gleichsam das in seine Bestandteile aufgelöste Deutsche Reich wieder als historisch faßbare Einheit auftreten. Die eigentliche Gefahr für Festlandeuropa ging nach Meinung Tayllerands von Rußland aus. Dessen machtvolles Vordringen sei nur durch ein gemeinsames Entgegenstemmen Preußens und Österreichs möglich, deren Macht wiederum durch ihre gegenseitige Konkurrenz in Zaum gehalten würde. Auch Polen müsse Westeuropa erhalten werden und dürfe keinesfalls zerstückelt werden.
Mit diesen Ansichten wurde Tayllerand zum Vater der Stabilitätspolitik Metternichs, der während der späteren Verhandlungen auf dem Wiener Kongress (1815) in Kontinentaleuropa ein Gleichgewicht der Kräfte herstellen wollte.
Tayllerand sah auch, dass die einzige Macht, die dauerhaft gestärkt aus den Kriegen Napoleons hervorgehen müsse, Großbritannien sei. England konnte den Krieg auf dem Kontinent aber nur so lange weiter führen, so lange noch eine Nation auf dem Kontinent dazu in der Lage und willens war sich mit finanzieller Unterstützung Englands Napoleon entgegen zu stellen. Nach der Schlacht von Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 war schließlich auch Preußen als Faktor der Kriegsführung Englands ausgeschieden. Selbst wenn der englische Premierminister Pitt noch so viele Subsidien zu zahlen bereit war, so gab es in diesem Jahr keine Macht mehr, die weiterkämpfen konnte.
Einen günstigeren Augenblick England an den Verhandlungstisch zu bringen, konnte es nicht geben. Napoleon jedoch ließ Tayllerand das Dekret von Berlin ausfertigen, das dem englischen Handel den Zugang zu den Küsten Kontinentaleuropas verschließen sollte.
Da Napoleon jegliche Mäßigung gegen England ausschloß und die Kontinentalsperre sich zugleich als wirtschaftliches Desaster herausstellte, kam es zu einer immer stärker spürbaren Annäherung Rußlands und Englands. Rußland konnte von der Wirtschaftskraft Englands durch die verdeckte Zahlung von Subsidien und Öffnung der Handelswege für englische Waren profitieren während England über die wirtschaftlichen Vorteile hinaus vor allem militärisch ein ungeahntes Potential dazu gewann. Napoleon wußte, dass England und Rußland de facto gemeinsame Sache machten. Während allerdings England auf die absolute Vernichtung Napoleons hin arbeitete, sah sich Rußland mehr als kontinentales Gegengewicht gegen die weitere Ausdehnung der napoleonischen Macht und zielte nicht auf die Auslöschung des Kaiserreichs.
Napoleon und Alexander II. hatten jedoch jegliches Vertrauen zueinander verloren. Napoleon wußte, dass sein Reich auf der Vorherrschaft der französischen Heere beruhte. So musste der Krieg zur „Politik mit anderen Mitteln“ werden. Der Einmarsch nach Rußland 1812 hat es gezeigt und noch einmal der heftige Wortwechsel mit Metternich, der schließlich den Untergang Napoleons besiegelte.
Michael Brey
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