Goethe in Heidelberg
„Es ist ein unverzeihlicher Fehler, wenn wir versuchen Dichtung zu verstehen. Dichtung will nicht verstanden, sondern erfühlt werden. Dichtung möchte geliebt werden. Ein Gedicht verstehen zu wollen, ist wie eine Rose mit unzählbaren Dornen zu berühren. Ein Gedicht zu erfühlen bedeutet, eine Rose ohne einen einzigen Dorn liebevoll zu umfassen. Und ein Gedicht zu lieben bedeutet, unverzüglich in die Schönheit und den Duft der Rose hinein zu wachsen.“
Diese magischen und unwiderstehlichen Worte des Poeten und Yogis, Sri Chinmoy, enthüllen den wahren Sinn und Zweck eines Gedichtes: In die von ihm dargestellte Wirklichkeit, mit dem ganzen gefühlten Wesen, sich hinein zu begeben. Wer möchte, in diesem Zusammenhang, nicht mit den mystischen Worten Goethes verschmelzen: „Selig, wer sich vor der Welt ohne Hass verschließt, einen Freund am Busen hält und mit ihm genießt. Was, von Menschen nicht gewusst oder nicht bedacht, durch das Labyrinth der Brust wandelt in der Nacht.“
Goethe und Heidelberg
Achtmal ist Johann Wolfgang von Goethe in Heidelberg gewandelt. Und meistens im Geleit eines Dichter-Freundes, mit dem er gemeinsam die Umgebung inspiziert hat. So auch am 26.August 1797, zwei Tage vor seinem 48.Geburtstag: „Ich ging in die Stadt zurück, eine Freundin zu besuchen, und sodann zum Obertor hinaus. Hier hat die Lage und Gegend keinen malerischen, aber einen sehr natürlich schönen Anblick. Gegenüber sieht man nun die hohen gut gebauten Weinberge, an deren Mauer man erst hingehen muss, in ihrer ganzen Ausdehnung. (…) Die Brücke (Alte Brücke) zeigt sich von hier aus in einer Schönheit, wie vielleicht keine Brücke der Welt. Durch die Bogen sieht man den Neckar nach den flachen Rheingegenden fließen, und über ihr die lichtblauen Gebirge jenseits des Rheins in der Ferne. An der rechten Seite schließt ein bewachsener Fels mit rötlichen Seiten, der sich mit der Region der Weinberge verbindet, die Aussicht.“
Der West-Östliche Divan
Weniger bekannt ist vielleicht die Tatsache, dass Goethe, bei einem seiner späteren Besuche in Heidelberg, Teile seines berühmten „West-Östlichen-Divans“ verfasst hat. Liest man diese Verse, fühlt man dabei unvermeidlich den Geist Heidelbergs mitschwingen und vermag sich in etwa vorzustellen, welchen Einfluss die malerische Szenerie wohl auf sein dichterisches Gemüt ausgeübt haben muss. Nachstehend ein Auszug aus dem „West-Östlichen-Divan: „Gingo Biloba (der Baum des Lebens, 27.September 1815) – Dieses Baumes Blatt, der von Osten meinem Garten anvertraut, gibt geheimen Sinn zu kosten. wie`s den Wissenden erbaut. Ist es ein lebendig Wesen, das sich in sich selbst getrennt? Sind es zwei, die sich erlesen, dass man sie als eines kennt? Solche Frage zu erwidern, fand ich wohl den rechten Sinn; Fühlst du nicht an meinen Liedern, dass ich eins und doppelt bin?“
Der Dichterfürst und Heidelberg sind eine zeitlose Symbiose eingegangen. Eine Symbiose der Schönheit der Natur mit der des poetischen Wortes. Zu Ehren seines 75.Geburtstag, am 28.August 1824, schrieb diesbezüglich die Dichterin, Marianne Willemer, folgendes bezauberndes Gedicht (Auszug): „Euch grüß ich, weite lichtumflossene Räume, dich. alten reich bekränzten Fürstenbau. Euch grüß ich, hohe dichtumlaubte Bäume und über euch des Himmels tiefes Blau. Wohin den Blick das Auge forschend wendet, in diesem blütenreichen Wundertraum, wird mir ein leiser Liebesgruß gesendet; o freud- und leidvoll Lebenstraum! (…) Aus Sonnenstrahlen webt ihr Abendlüfte, ein goldnes Netz um diesen Zauberort. Berauscht mich, nehmt mich hin, ihr Blumendüfte, gebannt in euren Kreis, wer möchte fort? Schließt euch um mich, ihr unsichtbaren Schranken; im Zauberkreis, der magisch mich umgibt, versenkt euch willig, Sinne und Gedanken; hier war ich glücklich. liebend und geliebt!“
Der Autor, Kai Keller, folgt seit etwa 15 Jahren dem Integralen Yogaweg des Meditationslehrers Sri Chinmoy. Geboren in der „Rennstadt“ Hockenheim und wohnend in Heidelberg, ist er dort Mitarbeiter im vegetarischen Restaurant „Effulgence-Waves“. Zu seinen Interessengebieten zählen, außer dem modernen Yoga, der Laufsport und die deutsche Dichtung, vor allem Hölderlin, Goethe und Droste-Hülshoff.
Kai Keller
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