Übernatürliche Wesen in der Ägyptischen Magie
Ein charakteristisches Merkmal der ägyptischen Magie ist die Zusammensetzung mehrerer Gottheiten zu einem potenten Wesen, das feindliche Kräfte besiegt oder unterwirft. Illustrationen in magischen Texten zeigen komplex zusammengesetzte Wesen, die aus bis zu sieben (eine bedeutende Zahl in der ägyptischen Magie) verschiedenen Gottheiten (z.B. Tutu, Shed) kombiniert werden und die so in keinem Tempel zu sehen sind.
Eine weitere typische Art des magischen Umgangs der Ägypter mit den zerstörerischen Kräften ist, diese zu umschmeicheln und sich mit ihnen zu versöhnen, indem sie ihnen neben ihren destruktiven Eigenschaften auch konstruktive, heilende oder auf sonstige Weise unterstützende Eigenschaften zuschreiben. Oft bilden giftige, gefährliche und aggressive Tiere das Vorbild für Gottheiten, deren Charakter und Wirkung ambivalent, d.h. sowohl bedrohlich wie auch helfend sein können. So konnte z.B. die Schlange in Form einer Kobra als Weret Hekau die königliche Schöpferkraft zum Ausdruck bringen und als Apophis die Götter und die Welt bedrohen.
Die Skorpionköpfige Göttin Serqet ( „Die den ersten Atemzug bewirkt“ ) hilft den Göttern bei der Geburt und beschützt (neben drei anderen Göttinnen) den einbalsamierten Leib des Verstorbenen. In einem Mythos begleiten sieben Skorpione die Isis und töten das Kind einer Frau, die der Göttin ein Bett für die Nacht verwehrt. Voller Reue wiederbelebt die Isis das Kind mit Hilfe der „Skorpionmedizin“. Schakale waren gefürchtet, weil sie die Toten ausgruben und verspeisten. Also machten sie die Ägypter in der Gestalt des Anubis zu den Wächtern der Toten. Ein Beiname des Anubis (aus dem Jumilhac Papyrus) lautet „Herr über die Seelen“ . Das in Ägypten wegen seiner Aggressivität am meisten gefürchtete Tier ist damals wie heute das Nilpferd (eines der Tiere des Seth). Als Göttin Taweret, dargestellt auf magischen Waffen wie Stäben oder Messern, verleiht es dem Magier jedoch machtvollen Schutz.
Die ägyptische Magie besteht zu einem großen Teil aus dem Umgang mit dieser verwirrenden Vielfalt übernatürlicher Wesen: große und kleinere Götter und deren Boten, Dämonen und Chaosmächte aus der Unterwelt, übelwollende Geister, rachsüchtige Seelen von Verstorbenen und bösartige Wesen aus der Fremde, der Wüste und dem Ausland. Diese Wesen können dabei, aufgrund der ursprünglich neutralen Kraft der hike, sowohl die Ursache als auch die Lösung für ein Problem bedeuten; sie können feindlich wie freundlich gesinnt und einsetzbar sein. In welche Richtung ihre Kraft tendiert, liegt in der Macht der Götter oder der Menschen, die als Magier oder Priester in ihre Rolle schlüpfen.
Frank Lerch
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